Wir erinnern an Jakob, Amalie und Alfred Graf

Der Leistungskurs 13 der Erich Kästner - Schule stiftet Stolpersteine für Familie Graf in der Alten Hattinger Str. 26. Im Rahmen unserer Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung in Bochum ist bei uns der Wunsch entstanden, einen Stolperstein zum Andenken an die Opfer der Verfolgung zu legen. Daraus sind 3 Steine für Familie Graf geworden. Wir verlegen die Steine für das Ehepaar Jakob und Amalie Graf, geb. Goldschmidt und deren Sohn Alfred. Von der Familie überlebte den Holocaust einzig die Schwiegertochter Ilse.

Wir danken dem Stadtarchiv, und dort besonders Herrn Andreas Halwer, und Herrn Dr. Schneider für die Unterstützung bei unserer Recherche.

bild1Jakob Graf wurde am 11. März 1875 in Olmütz geboren und heiratete Amalie Goldschmidt, die am 1. September 1876 in Wiedenbrück geboren wurde. Ihr Sohn Alfred wurde am 27. Juli 1911 in Wattenscheid geboren. Alfred heiratete am 6. November 1941 die in Köln geborene Ilse Hertz. Der Vater Jakob war gelernter Bankkaufmann, Sohn Alfred war Einzelhandelskaufmann, zuletzt mit einem Kleingewerbe für Schneiderbedarfswaren.

Durch die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" vom 12. November 1938 verloren die Grafs seit dem 1.11.1939 Arbeit und Geschäft, mit dem 30.4.1939 bereits die Wohnung in der Hattinger Straße. Ab 1940 weist das Adressbuch Bochums die Rottstraße 9 als Adresse aus, ein Judenhaus, in das sie zwangsumgesiedelt wurden. Sie mussten dort auf engstem Raum leben, mehr als 2 Räume wurden ihnen nicht zugestanden. Gelebt haben die Grafs offensichtlich von einem Einkommen, das Alfred durch Bauarbeit, wohl schwere Zwangsarbeit, erwirtschaftete. Es ist davon auszugehen, dass Jakob Graf kein Einkommen und kein Restvermögen mehr besaß, da eine Sicherheitsanordnung vom 22.11.1939, nach der das Ehepaar nur über 150 RM im Monat verfügen durfte, am 26.4.1940 nach einer Erklärung von Jakob Graf, die Familie verfüge über kein Vermögen und lebe ausschließlich vom Einkommen des Sohns, wieder aufgehoben wurde. Noch im März 1939 hatte Alfred Graf nach Australien auswandern wollen - vergeblich. Er zog mit seinen Eltern in das Judenhaus Rottstraße 9 und heiratete am 6.11.1941 Ilse Hertz

bild2Die Mitbewohner des Hauses Rottstraße 9 in 1940 waren Emma Hermann und Markus Rosenheck, der im Adressbuch von 1941 nicht mehr genannt wird. 1942 wird neben Jakob Graf und seiner Frau Amalie nur noch ein Mitbewohner, Jakob Strauß, erwähnt. Daraus lässt sich schließen, dass Alfred und Ilse, und wohl auch Emma Hermann, bereits deportiert waren.

Das Ehepaar Jakob und Amalie Graf wurde am 31. Juli 1942 mit dem Transport XI/12 von Münster aus nach Theresienstadt deportiert. Von dort aus gelangte (mindestens) Amalie Graf mit einem Transport, der am 18.12.1943 abfuhr, am 20.12.1943 nach Auschwitz, ins Familienlager Theresienstadt, wo sie am 30.12.1943 umgebracht wurde. Das Schicksal ihres Mannes Jakob ist nicht ganz geklärt. Es ist wahrscheinlich, dass auch er mit demselben Transport nach Auschwitz gebracht wurde und dort als arbeitsfähig eingestuft wurde, so dass er zur Zwangsarbeit eingeteilt wurde. Jedenfalls sagt die Holocaust-Überlebende Emmy Vollmann in einer Erklärung aus, die sich in einer vom Bochumer Stadtarchivar Croon für die israelische Forschungsstätte Yad Vashem zusammengestellten Liste findet, sie habe Jakob Graf noch 1944 als Zwangsarbeiter beim Bochumer Verein gesehen. Demzufolge ist er entweder direkt von Auschwitz nach Bochum geschafft worden, oder über die Zwischenstation des Stammlagers Buchenwald zum Außenlager in der Brüllstraße. Die erste dieser Varianten legt die Annahme nahe, dass Vertreter des Bochumer Vereins an der Selektion in Auschwitz beteiligt waren. Allerdings haben Transporte von Juden in das Lager Brüllstraße erst im Jahr 1944 stattgefunden, denn das Lager wurde im Juni 1944 eingerichtet. Transporte haben sowohl von Auschwitz (21. Juni 1944 und Oktober/November 1944) als auch von Buchenwald (August 1944) aus stattgefunden. Von Bochum aus sei Jakob Graf dann wegen des Vormarschs der Alliierten nach Buchenwald gebracht worden. Wir folgen dieser Aussage und haben als Todesort Buchenwald angegeben. Eine andere Möglichkeit möchten wir aber nicht verschweigen: Der weitaus größte Teil der 2503 Transportinsassen des Transports Ds, mit dem Jakob und Amalie Graf am 18.12.1943 nach Ausschwitz gebracht wurden, wurde in den Gaskammern von Auschwitz umgebracht. Das gilt sicherlich für Amalie Graf, deren Todesdatum 30.12.43 in den Unterlagen von Auschwitz vermerkt ist.

bild3Alfred und Ilse Graf wurden bereits vor den Eltern deportiert. Sie kamen mit einem Transport Ende Januar 1942 von Dortmund aus nach Riga. Von dort wurden sie später gemeinsam nach Stutthoff verbracht. Ilse Graf überlebt dieses Lager und wandert nach ihrer Befreiung nach Kanada aus, wo sie später wieder heiratet. Aus den Entschädigungsakten und den eidesstattlichen Aussagen von Ilse Graf wissen wir etwas über das Schicksal von Alfred Graf:

Er wurde bereits kurz nach seiner Einlieferung in Stutthoff nach Buchenwald deportiert und arbeitete 1944 im Außenlager Buchenwalds, das beim Bochumer Verein betrieben wurde. Danach wäre er kurz vor seiner Ermordung zeitgleich mit seinem Vater als Zwangsarbeiter wieder in seine Heimatstadt Bochum zurückgeschafft worden - eine mehr als makabre Familienzusammenführung! Im März 1945 kam er in einem Transport von 1326 KZ-Häftlingen dann wieder nach Buchenwald zurück, wo er, nach Aussage seiner Frau, 3 Tage vor der Befreiung des Lagers ermordet wurde. Möglich ist aber auch, dass er, mit vielen anderen Insassen des Transports, bereits auf dem Weg zum Konzentrationslager Buchenwald umkam, so findet es sich in einer eidesstattlichen Erklärung eines Leo Bellnatz. Welches Schicksal er tatsächlich erlitten hat, ist wohl nicht mehr genau zu erfahren. Frau Ilse Graf, später verheiratete Obarzanek, ist nach dem Bundesentschädigungsgesetz entschädigt worden für ihr Leid, mit insgesamt 10 087 DM. Ein lächerlicher Betrag.

Wir sind erschüttert vom Leid der Familie Graf und sehen ihre Schicksal als exemplarisch für die Schoah.

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